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Abenteuer im Wattenmeer
Abschlussbericht einer Modellmaßnahme auf Hallig Hooge,
die die Naturfreundejugend Deutschlands im Rahmen ihrer Kampagne "Online
mit der Natur" im März 1997 durchführte.
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Hallig Hooge liegt inmitten des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer
in Nordfriesland. Es ist im Winterhalbjahr mit täglich ein bis zwei Schiffen vom
Festlandhafen Schlüttsiel aus zu erreichen. Schon die Anreise ist ein Erlebnis:
Vom schnellen ICE über den schon langsameren Regionalexpress auf der Marschenbahn
und dem Zubringerbus, der auf gewundenen Wegen durch Dörfer und Köge rollt, ist
das Motto der Anreise "Entschleunigung". Diese erreicht ihren Höhepunkt, wenn
das große Fährschiff bei Niedrigwasser nur im Schritttempo den Hafen verlässt
und über Untiefen dümpelt, um nicht aufzusetzen.
Die Hallig selbst, die nach gut einer Stunde erreicht wird, ist nur etwa 3 km
lang. Ein Rundgang auf dem Sommerdeich, der die Hallig zumindest im Sommer vor
Landuntern schützt und damit zur idealen Weidefläche für "Pensionsvieh" vom
Festland macht, ist 7,5 km lang. Auf der Insel leben auf neun Warften (aus
dem Halliggrund aufragende und mit Häusern bestandene Erdhügel, die bei
normalen Landuntern nicht überspült werden) etwa 130 Menschen.
Die Modellmaßnahme, die die Naturfreundejugend Deutschlands im Rahmen ihrer
Kampagne "Online mit der Natur" durchführte, fand Ende März 1997 statt. Vier
TeamerInnen und 13 Jugendliche aus Thüringen im Alter zwischen 13 und 16
Jahren verbrachten eine Woche im Haus der Schutzstation Wattenmeer, wo sie
sich selbst mit auf der Hallig gekauften Lebensmitteln verpflegten.
Zu den Programmpunkten, die auf der Hallig bzw. beim Vorbereitungstreffen
entwickelt wurden, gehörten Erkundungen der Hallig, ein Besuch des Sturmflutkinos
sowie einer plattdeutschen Theateraufführung einer örtlichen Laienspielgruppe,
eine Wattwanderung (die leider ausfallen musste, dazu mehr weiter unten), die
Zubereitung regionaltypischer Mahlzeiten, Gespräche mit den Einheimischen, die
Herstellung einer täglichen Radiosendung "Nordreport", ein Spieleabend, eine
Untersuchung des Lebensraumes Watt vor Ort und in der Schutzstation Wattenmeer
sowie die Unterstützung der Zivis beim Aufbau der Ausstellung in der Schutzstation
zur bevorstehenden Saisoneröffnung, natürlich Nachtwanderungen und ein Film über
das Wattenmeer und den Naturschutz in Nordfriesland.
Viele der TeilnehmerInnen äußerten bei der schriftlichen Befragung im Vorfeld
die Erwartung, eine Wattwanderung zu machen, die dann auch beim Vorbereitungstreffen
als einer der Höhepunkte angekündigt wurde. Auf keinen Fall hingegen wollten einige
TeilnehmerInnen sich langweilen oder nur im Zimmer 'rumhocken. Bei einer direkten
Frage nach der Lust zu wandern, war das Bild gemischt. Einige fanden Wanderungen
im Thüringer Wald langweilig und blöd, freuten sich aber auf Wandern an der Nordsee.
Auf keinen Fall dürften die Wanderungen aber zu lang sein. Eine große Rolle spielten
auch Tiere und Pflanzen, die auf Wanderungen beobachtet werden können.
Von vornherein positiv wurde die Umweltqualität auf der Hallig angesprochen - und
dies unaufgefordert. Formulierungen wie "frische Luft", aber auch "kein Stress" oder
"Ruhe" deuten darauf hin, dass auch Jugendliche Urlaub nicht nur als Erlebnis, sondern
auch als Zeit der Ruhe und Erholung sehen und ihnen dabei auch die Umweltqualität des
Reisezieles wichtig ist.
Beim Vortreffen wurden zur Einstimmung einige Dias von Hallig Hooge gezeigt, um
anschließend besser über Vorstellungen, Erwartungen und mögliche Aktivitäten auf
der Hallig diskutieren zu können. Hier zeigte sich auch, wie stark die Vorerfahrungen
der Jugendlichen aus Ferienfreizeiten oder von Schulausflügen und Klassenfahrten
hineinspielen: Einige wollten auf keinen Fall feste Regeln oder früh aufstehen müssen,
andere auf keinen Fall Museumsbesuche oder Gespräche mit "Gelehrten". Dass sie auf
Hallig Hooge dann doch ausgesprochen früh aufgestanden sind, um eine Wattwanderung
zu machen, oder den "gelehrten" Naturschützern (Zivis und TeamerInnen) zugehört haben,
steht hierzu keinesfalls im Widerspruch, denn dies waren eigene und freiwillige
Entscheidungen nach Interesse.
Der Bezugsraum Hallig zeichnet sich einerseits durch seine Überschaubarkeit und
klar erkennbare räumliche Begrenztheit aus. Nur bei Nebel kann man sich der Illusion
hingeben, nicht auf einer Hallig zu sein. Ansonsten sieht man von jedem Punkt Hooges
an mindestens zwei Seiten den Sommerdeich, das Zeichen, dass dahinter das Land zu Ende
ist und langsam das Meer beginnt. Zum anderen verdeutlicht gerade dieser überschaubare
Raum sehr schnell die Grenzen der Aneignungsmöglichkeiten für den Touristen. In
Radio-Interviews mit Einheimischen für den gruppeneigenen Nordreport, der jeweils abends
ausgestrahlt wurde, versuchten die TeilnehmerInnen, in die Hallig hineinzublicken. Eine
Annäherung war dabei vor allem über die großen Katastrophen und die Bedrohung durch die
Naturgewalten möglich. Es fiel ihnen schwer, Fragen nach dem ganz normalen Alltag zu
formulieren, den sie einerseits täglich sahen, der aber andererseits unverständlich oder
unvorstellbar blieb.
Aufgrund ihres Alters hatten die TeilnehmerInnen im Gespräch mit HalligbewohnerInnen
in deren Augen noch das Recht, die "naiven" Fragen zu stellen, die erwachsene Touristen
ihnen auch stellen, damit jedoch eher auf Ablehnung und Unverständnis stoßen. Trotz der
Vorbehalte, die das professionell wirkende Aufnahmegerät (von einem Bürgerradio entliehen)
anfangs auslöste, veranlasste es die Einheimischen jedoch nach der Zusicherung, dass es
nur für eigene Zwecke verwendet und also nicht veröffentlicht wird, zu gewissenhaften,
ausführlichen und interessanten Antworten. Gleichzeitig wurden die TeilnehmerInnen aber
auch mit der sozialen Kontrolle auf der Hallig und der - oft bestätigten - Befürchtung
konfrontiert, dass ihnen Leute von außerhalb das Wort im Munde umdrehen, um ihre Vorurteile
und Erwartungen bestätigt zu sehen. Die "moderne" Halligbewohnerin, die als geborene
Hoogerin einen kleinen Kunstgewerbeladen auf der Hallig betreibt, selbst künstlerisch
tätig ist, viele FreundInnen auf dem Festland hat und diese oft besucht, was einigermaßen
aufwendig ist, mit einem Zivi aus der Großstadt zusammen ist und beim plattdeutschen
Theaterstück mitspielt und das überzeugt und überzeugend, all dies passt nicht in die
vorhandenen Denkschemata und Erwartungen der TouristInnen, ist aber nicht minder faszinierend.
Auch die Konsum- und Essgewohnheiten der TeilnehmerInnen passten sich schnell der neuen
Umgebung an, was für sie selbst am überraschendsten war. Wir hatten im letzten
Rundschreiben vor der Fahrt lediglich darauf hingewiesen, dass es nicht notwendig ist,
einen Vorrat an Süßigkeiten mitzubringen, da wir vor Ort selbst welche herstellen würden.
Coca-Cola war nicht mehr gefragt, nachdem sich die TeilnehmerInnen - nach anfänglichem
Ekel bei einigen, wenn sich die Sahne am Rand absetzte - auf Milch als Kultgetränk
eingeschossen hatten. So verwundert es nicht, dass der durchschnittliche tägliche
Milchkonsum die Grenze von 3 l überschritt. Die Teilnahme einer Veganerin erwies sich
als wertvoller pädagogischer Bestandteil der Woche auf Hallig Hooge. Im Vorfeld waren mit
der Anmeldung besondere Essgewohnheiten, Allergien etc. abgefragt worden. Die TeilnehmerIn
hatte sich als "Veganerin" angemeldet, und das Team hatte im Vorfeld mit ihr vereinbart,
dass sie den von ihr bevorzugten Brotaufstrich und einige andere Nahrungsmittel selbst nach
ihren Vorstellungen besorgt und aus der Reisekasse ersetzt bekommt. Damit war es für sie und
das Team bereits eine Selbstverständlichkeit, über die nicht mehr groß gesprochen, geschweige
denn debattiert werden musste. Es war klar, dass es bei jeder Mahlzeit auch eine attraktive
Variante ohne Milch- und Eiprodukte, Fleisch und raffinierten Zucker, den sie auch nicht aß,
geben musste. Auch wenn sich einige TeilnehmerInnen zunächst wunderten, dass auf derartig
komplizierte Sonderwünsche einer einzelnen Person eingegangen wurde, akzeptierten sie die
Selbstverständlichkeit, mit der dies vom ersten Tag an geschah, schnell als Normalität und
drangen so zum eigentlich Interessanten, nämlich ihren Motiven und Beweggründen vor. In einer
Situation, wo nicht nur ihre Ernährung auf für sie angenehme Art und Weise sichergestellt war,
sondern wo sie auch weder einen exotischen noch einen ausgeschlossenen Status aufgrund ihrer
Ernährung einnehmen musste, war sie gerne bereit - und dies im übrigen ohne jeden
missionarischen Eifer - ihre Ernährungsgewohnheiten zu erläutern und überzeugend zu begründen.
Dies schaffte dann auch die Stimmung für einen gegen Schweinefleisch allergischen Jungen der
Gruppe, wovon zunächst nur das Team wusste, das dies unauffällig durch Hauptmahlzeiten ohne
Schweinefleisch handhaben wollte, sich zu outen, wodurch insgesamt der Zusammenhang von
Gesundheit und Ernährung zu einem wichtigen Thema nicht nur bei den Mahlzeiten wurde.
Wandern in Thüringen ist für viele TeilnehmerInnen ein vertrauter Bestandteil ihres Lebens
oder zumindest ihrer Kindheit. Wandern auf der Hallig war für sie jedoch etwas ganz anderes,
das kaum mit dem Wandern zu Hause in Verbindung gebracht wurde. Es erschien wie eine ganz
andere Sportart. Wandern zu Hause ist eng mit der Familie verbunden, ein Aspekt, der sich auf
der Hallig natürlich auch ganz anders darstellte, weil es jederzeit die Möglichkeit
gab, zu spontanen "Erlebnistouren" über die Hallig aufzubrechen, wo die Wanderung nach dem
Empfinden der Jugendlichen nicht durch einen vorgegebenen Weg oder eine zurückzulegende Strecke
definiert war, sondern durch die Lust, irgend etwas zu sehen oder das Ende der Hallig zu entdecken
etc. Auch die Beschränkung der Wege auf der Hallig, die überhaupt nur wenige verschiedene Routen
ermöglichen, wurde nicht als einengend empfunden, sondern eher als Vereinfachung, sich die Insel
anzueignen und als Chance, sich schnell orientieren zu können und somit eigentlich beim Wandern
gar nicht auf den Weg und die Richtung achten zu müssen.
Diese "Entlastung" von allen Notwendigkeiten, die das professionelle Wandern mit sich bringt,
sowie die beschränkten Entfernungen mögen die kleinen und größeren Ausflüge eher als Spaziergänge
erscheinen lassen. Über den ganzen Tag verteilt kamen jedoch erstaunliche Kilometerleistungen
zusammen, die den Vergleich mit "richtigen" Wanderungen nicht zu scheuen brauchen. Und der Wind
tat sein übriges, dass die Jugendlichen am Abend wussten, was sie getan hatten.
Der Tagesablauf war neben den gruppeninternen Regeln und Gewohnheiten, die sich schnell
herausbilden, von außen nur wenig gegliedert. Dies wurde durch die Selbstverpflegung noch
verstärkt, die größere Flexibilität ermöglichte. So bestimmten zunehmend die Gezeiten oder
vielleicht noch die Ankunft und Abfahrt des Fährschiffes als größtes "Ereignis" auf der Hallig
den Tagesablauf. Der Aufbruch zur Wattwanderung erfolgte "mitten in der Nacht", ohne dass das
Aufstehen große Schwierigkeiten gemacht hätte. Dass sie dann wegen Nebel ausfallen musste, war
zunächst eine Enttäuschung, ermöglichte aber dann eine interessante Halligwanderung mit kurzem
Abstecher ins Watt, einen Besuch im Café zu einer Zeit, als das Leben gerade erste erwachte und
auch im weiteren Verlauf des Tages einen auf angenehme Weise durcheinander gewirbelten
Tagesablauf, der dann sogar einen Mittagsschlaf enthalten konnte. Auch die Mahlzeiten gerieten
durcheinander, was als sehr angenehm empfunden wurde, da man jederzeit - z.B. wenn man durchgeweht
und frierend von einem Entdeckungsspaziergang ins Haus zurückkam - nicht nur heißen Tee, sondern
immer auch eine Kleinigkeit zu essen fand und sich so oft gemütliche Tischrunden auch ohne feste
Mahlzeiten bildeten, so dass auch die Gemeinschaft nicht litt. Zumal das Abendessen die
unverzichtbar gemeinsame Mahlzeit eines jeden Tages war, wo der Tag reflektiert und der nächste
geplant werden konnte.
Die geplante Wattwanderung zum der Hallig im Westen, also zum offenen Meer hin, vorgelagerten
Japsand, musste zweimal ausfallen - zur großen Enttäuschung aller. Aufgrund der ungünstigen
Tidezeiten in der Woche unseres Aufenthaltes bedeutete das Vorhaben, eine Wattwanderung
durchzuführen, zunächst einmal Aufstehen um halb sechs morgens, also schon eine große Überwindung
an einem kalten Ferientag. Am ersten Morgen fiel die Wattwanderung dem Nebel zum Opfer. Selbst
mit einem geübten Führer aus der Schutzstation Wattenmeer, wo unser Quartier war, wäre es zu
gefährlich gewesen, ohne Orientierungsmöglichkeit ins Watt aufzubrechen. Am zweiten Morgen war
durch den starken Nordwestwind die Nordsee auch bei Niedrigwasser so hoch aufgelaufen, dass eine
Passage über die sonst bei Niedrigwasser trocken fallenden Bereiche des Wattenmeers nicht möglich
war. Natürlich war die Enttäuschung über den Ausfall dieses als Höhepunkt angekündigten
Programmpunktes zunächst groß; sie wurde aber schnell überwunden, wohl auch, weil es eine von
der Natur vorgegebene Situation war, in die man sich fügen musste, und keine Ablehnung von
Wünschen oder Erwartungen aus pädagogischen oder anderen, von Menschen verursachten Gründen.
Einige trösteten sich auch damit, dass es sehr anstrengend geworden wäre, die vier Kilometer zum
Japsand gegen den starken Wind auf schlammigem Untergrund zurückzulegen. Der als Ersatz angebotene
Ausflug ins ufernahe Watt war dann umso aufregender, stieß auf großes Interesse, wurde auch noch
sehr stimmungsvoll, als sich gegen acht Uhr die Sonne zeigte und endete bei heißem Tee und einem
zweiten Frühstück, wo auch ein paar gefangene Krabben gepult wurden, zumindest von denen, die das
nicht eklig fanden.
Die Nachtwanderung, die natürlich gleich in der ersten Nacht nicht fehlen durfte, hatte zunächst
den üblichen Abenteuercharakter. Dann musste auch überprüft werden, wie hoch das Wasser stand,
denn es war das erste Hochwasser nach unserer Ankunft. Neugier auf die Gezeiten wurde bereits im
Vorfeld bekundet. Dementsprechend begeistert besuchte die Gruppe das Sturmflutkino, in dem
ziemlich reißerisch ein normales Landunter als Sturmflut verkauft wird. Dennoch führte der
vergleichsweise normale Verlauf der Gezeiten nicht zu Enttäuschungen, es stellt sich keine
Sensationslust ein. Andererseits wurde mit Interesse und Neugier, zunehmend auch mit Spannung
beobachtet, wie der Wasserstand gegen Ende der Woche, als der Wind auf Nordwest drehte, mit jedem
Hochwasser stieg und über Radio 15 bis 20 dm über NN gemeldet wurden. Einen kleinen Eindruck von
der Gewalt des Wassers bekamen wir immerhin, als wir an einem ruhigen und sonnigen Tag ein
Ausflugsboot bestiegen, um eine kleine Rundfahrt zu machen und mit dem Netz einige Meerestiere
zu fangen, um sie zu bestimmen. Das Schiff hatte einige Tagesgäste von Pellworm gebracht und am
östlichen Anleger Hoogerfähre angelegt, der bei Hochwasser regelmäßig überflutet wird. Als wir
von der etwa einstündigen Fahrt zurückkamen, gelang es uns kaum noch, trockenen Fußes an Land zu
kommen, da das steigende Wasser längst die ersten Wellen auf den Anleger spritzen ließ. Damit
hatte in so kurzer Zeit niemand gerechnet. So sind es oft die kleinen und eigentlich für alle
Nordseeurlauber vertrauten Dinge, die ohne viel Inszenierung, sondern nur mit etwas Steuerung
der Wahrnehmung das Erlebnis ausmachen.
An einem Ausflug zur Vogelbeobachtung beteiligten sich bei nicht sehr angenehmer Wetterlage
lediglich einige Jugendliche, die jedoch umso ausdauernder und begeisterter hinter ihren
aufgebauten Stativen verharrten, bis es wieder etwas Neues zu sehen gab. Sie gaben sich auch
ohne Weiteres mit den gebotenen Möglichkeiten zufrieden, die Vögel aus der Ferne zu beobachten,
um sie bei Hochwasser nicht bei der Futtersuche oder beim Ruheaufenthalt auf dem Festland zu
stören. Auch hier wurden "natürliche" Grenzen ohne Weiteres akzeptiert, da sie von den
TeamerInnen nicht um ihrer selbst willen gesetzt wurden, sondern vorgegeben, begründet oder
nachvollziehbar waren.
Auch das Interesse an den naturwissenschaftlichen Zusammenhängen im Wattenmeer war überraschend
groß, was in der ersten Ferienwoche der Osterferien bei einem derartig schulähnlichen Thema eher
überraschen mag. Hier setzte sich jedoch der ideale Lernort und die Neugier, die neue Umwelt und
ihre ganz andersartigen Funktionsweisen zumindest ansatzweise nachvollziehen zu wollen, gegenüber
der Abwehr alles Schulischen erfolgreich und ganz von selbst durch.
Auch die Untersuchung und Bestimmung von Kleinstlebewesen aus dem Meer unter dem Mikroskop stieß
auf großes Interesse, ebenso die kreative Gestaltung von Bildern aus Algen und anderen
Meerespflanzen, womit sich einzelne TeilnehmerInnen sehr intensiv und ausdauernd beschäftigten.
Die zahlreichen Erklärungen im Watt, während der Bootsfahrt oder bei der Beobachtung von Vögeln
hatten nicht den Effekt einer langweiligen Führung, wo alles vorgekaut wird, sondern den einer
Entdeckungsreise, bei der Zivis oder TeamerInnen lediglich als Entschlüssler fungierten.
Vermisst haben die Jugendlichen natürlich die versprochene und eigentlich "mitgebuchte"
Wattwanderung. Die Wanderungen auf der Hallig selbst wurden im Fragebogen nach der
Modellmaßnahme sehr positiv bewertet, vor allem auch die Möglichkeit, sich frei auf der Hallig
zu bewegen. Die Weite des Landes wird bei den freien Assoziationen zum Aufenthalt auf Hallig
Hooge, aber auch ausdrücklich beim Thema Wandern als besonders intensiver Eindruck von mehreren
Jugendlichen erwähnt. Anderen haben jedoch die Bäume auf der Hallig gefehlt. Neben der Natur als
allgemeinem Eindruck nennen sehr viele TeilnehmerInnen die Tiere auf der Hallig und im Watt ausdrücklich.
Auswertung:
Das Team zeigte sich in der Auswertung der Maßnahme erstaunt, wie wenig die sehr unterschiedlichen
Einstellungen und Grundhaltungen der TeilnehmerInnen während der Woche auf Hallig Hooge eine Rolle
spielten. Bereits beim Nachtreffen stellte sich dies wieder ganz anders dar. Auch
Konsumgewohnheiten aller Art (von Musik über Süßigkeiten bis Alkohol) traten auffallend in den
Hintergrund bzw. wurden vorübergehend unwichtig (wenn auch nicht das Gespräch über sie!). Hier
zeigt sich eine interessante Parallele zum Umweltbewusstsein und -verhalten Jugendlicher, auf
die nun abschließend eingegangen wird.
Ein Ziel des Projektes Online mit der Natur ist es, neue Erkenntnisse über den Zusammenhang
zwischen dem Umweltbewusstsein und dem tatsächlichen Umweltverhalten von Jugendlichen zu gewinnen.
Auf Hallig Hooge wäre das Liegenlassen einer Pfandflasche - und das nicht weil die TeamerInnen
Druck gemacht hätten - von der Gruppe nicht geduldet worden, im Zug auf der Rückfahrt wurden sie
der Bequemlichkeit halber im Zug liegengelassen und dies auch offen so benannt.
Diese kleine Episode ist ein Hinweis darauf, dass das Leben in einem ebenso empfindlichen wie
faszinierenden Naturraum zwar für die Umwelt und ihren Schutz stark sensibilisieren kann und das
Verhalten während dieser Zeit verändern kann, daraus aber nicht automatisch auf eine grundsätzliche
Veränderung des eigenen Umweltverhaltens geschlossen werden kann. Nach der Rückkehr nach Hause
läuft im wesentlichen der alte Film weiter - lediglich eine gewisse Prägung und Offenheit. Ein
darüber hinaus gehendes grundsätzliches Umdenken, das zu dauerhaften Verhaltensänderungen führt,
darf nur für sehr individuelle Situationen angenommen werden, in denen eine einzelne Person besonders
offen und empfänglich für derartige Veränderungen ist.
Diese eher skeptische Bewertung soll weder den Sinn umweltpädagogischer Bemühungen (schon gar nicht
von praktischen Lernfeldern vor Ort, wo handlungsorientiertes Lernen erst möglich wird, wie auf einer
Hallig) noch die Aussicht auf die Veränderung von individuellen Lebensweisen als ein Beitrag zum
Umweltschutz in Frage stellen. Es erscheint jedoch angesichts der Fülle umweltpädagogischer Konzepte
und Bemühungen immer wieder sinnvoll, die grundsätzlichen Grenzen einer jeden pädagogischen Bemühung
bei ansonsten konstanten (gesellschaftlichen und individuellen) Rahmenbedingungen zu realisieren,
schon um keine Wunder von einer Woche (möglicherweise noch so gelungener) Umweltpädagogik zu erwarten.
Ebenso wie die hohe Sympathie für Umweltaktivisten, wie sie etwa jüngst die 12. Shell-Studie
nachgewiesen hat, nicht zu ähnlich hohen Mitgliedszahlen in Umwelt- und Naturschutzverbänden oder zu
massenhaften Verhaltensänderungen im individuellen Umweltverhalten führt, bedeutet eine weit
verbreitete Einsicht in und Sympathie für die Notwendigkeit eines anderen, nachhaltigen Lebensstiles
nicht automatisch dessen augenblickliche Etablierung. Dies gilt auch für Jugendliche, auf die sich
nicht zuletzt die Umweltverbände und -bildnerInnen aus nachvollziehbaren Gründen als wichtige Zielgruppe
gestützt und manchmal auch gestürzt haben. Nach anfänglicher Euphorie der Ökopädagogik in den 80er
Jahren wurde jedoch auch hier schnell deutlich, dass Jugendliche nicht die biegbaren, flexiblen,
bedürfnislosen und einfach zu überzeugenden, ja zu prägenden Objekte noch so sinnvoller pädagogischer
Bemühungen sind. Stattdessen müssen auch und gerade Jugendliche den Bereich Umweltschutz und
nachhaltiger Lebensstil, wenn sie ihn als sinnvoll anerkennen (und das tun inzwischen viele Jugendliche)
mit anderen Bedürfnissen und Anforderungen an ihr Leben abwägen, als da wären: Mobilität, Konsumwünsche
und Konsumdruck, Erwartungen aus dem sozialen Umfeld und der Familie, Reiselust, Neugier u.v.a.m.
Was in der in bezug auf alle diese Anforderungen eher eindimensionalen Ausnahme-Situation auf der
Hallig als selbstverständlich umsetzbar erscheint, relativiert sich bereits bei der Rückkehr aufs
Festland. Andere Bedürfnisse treten wieder stärker in den Vordergrund. Die Natur wird nicht mehr als
so verletzlich wahrgenommen, weil eine im Eisenbahnwaggon liegengelassene Flasche auch nicht direkt
mit ihr assoziiert wird. Natürlich haben alle Jugendlichen weiterhin Hemmschwellen, ihren Müll in den
Wald zu werfen, aber was kann man in einem Eisenbahnwaggon schon noch verschmutzen, so der vordergründige
Gedanke, der die Folgen und die Entsorgung außer acht lässt, obwohl dies Zusammenhänge kognitiv abrufbar
und das erforderliche Umweltwissen vorhanden ist. Die emotionale Beteiligung am Thema Umwelt und das
direkte Eintauchen in eine als natürlich empfundene Umgebung sowie die Identifikation mit diesem Stück
Natur führten dazu, dass auf Hooge ein anderes Umweltverhalten praktiziert wurde als auf dem Festland.
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