| |
Naturerlebnis im Bayerischen Wald
Abschlußbericht einer Modellmaßnahme der Naturfreundejugend Deutschlands
|
 |
Der Nationalpark "Bayerischer Wald" hat in den vergangenen Jahren einen eher zweifelhaften Ruf
erlangt. Einerseits wurde er aufgrund seiner dichtbewaldeten, in einigen Gebieten urwaldnahen,
Mittelgebirgslandschaft 1970 zum ersten Nationalpark in Deutschland erklärt. Andererseits ist er
inzwischen auch zu einem Symbol für flächendeckendes Waldsterben durch das unheilvolle Zusammenspiel
von Luftverschmutzung und Borkenkäferbefall geworden.
Sozusagen ein Naturschutzgebiet, in dem die Natur stirbt?
Für die Naturfreundejugend sollte dieser Spannungsbogen den Hintergrund für eine siebentägige
Modellmaßnahme mit Teenies mit dem Schwerpunkt "Wandern" bilden. Eigentlich klar, dass sich Wandern
an einem solchen Ort nicht als sportliche Betätigung vor Naturkulisse erschöpfen kann, sondern auch
eine intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte und der aktuellen Situation der Region und der
hier lebenden Menschen herausfordert.
Durch die hier, oft dicht beieinanderliegende Erfahrung von "schöner", schützenswerter Natur, aber
auch ihrer Verletzlichkeit sollte ein emotionaler Zugang zum Wandern eröffnet und eine Sensibilisierung
für Natur- und Umweltschutz erreicht werden.
Grundsätzlich sollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer jedoch ihr Programm soweit als möglich selbst
planen und umsetzen - von seiten der Betreuerinnen wurden lediglich Vorschläge gemacht. Das Grundgerüst
des Programms sollte auf einem Vorbereitungstreffen der insgesamt 14 Jungen und 3 Mädchen im Alter von
12 bis 15 Jahren gemeinsam mit den beiden Betreuerinnen erstellt werden. Dazu hatte jeder bereits mit
der Anmeldung einen "Stichpunktzettel" mit den organisatorischen Rahmendaten und einigen Vorschlägen wie
Waldrallye, durchs Urwaldgebiet streifen oder Übernachtung unter freiem Himmel, erhalten.
Zu Beginn des Treffens, an dem fast alle teilnahmen, wurde den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der
Bayerische Wald, insbesondere die Region um Waldhäuser, wo unsere Übernachtung mit Verpflegung in einer
Jugendherberge gebucht war, anhand von Karten und Informationsbroschüren noch einmal ausführlich
vorgestellt.
Anschließend wollten wir durch einen Fragebogen herausfinden, was für die Gruppe am Bayerischen Wald
interessant ist, was sie dort gern bzw. gar nicht tun möchten und was sie so ganz allgemein vom Wandern
halten.
Für das Team schon ein bißchen verblüffend, freuten sich die meisten auf interessante Wälder und Berge
und als schlimmstes Übel wurde für unseren Aufenthalt Langeweile und zuviel Programm "im Haus" befürchtet.
Selbstverständlich freuten sich auch sehr viele auf den "Urlaub von den Eltern" und die Möglichkeit mit
Freunden die Ferien zu verbringen und sie verbaten sich allzu frühes Schlafen gehen und Aufstehen.
Fast alle bekundeten in ihren Fragebögen eine positive Einstellung zum Wandern, es sollte nur nicht zu
weit und mit viel Gepäck sein. Entsprechend fanden sich in den ergänzenden Vorschlägen zum Programm Elemente
wie Nachtwanderung, Bergtour oder Schatzsuche im Wald.
Diese Antworten scheinen darauf hinzudeuten, dass viele Jugendliche bereits ein sehr modernen Begriff vom
Wandern, eben mit interessanten Aktivitäten rundherum, verinnerlicht haben und sich dieses auch für ihre
Freizeitgestaltung wünschten.
In der folgenden Gesprächsrunde mußten die Erwartungen letztlich noch etwas gedämpft werden, denn innerhalb
einer Woche auch noch eine Kanu- und eine Klettertour zu organisieren hätte wohl den Rahmen der Freizeit
gesprengt. So einigten wir uns auf die Programmelemente Bergtour, Nachtwanderung mit Übernachtung unter
freiem Himmel und Schatzsuche. Darüber hinaus wollten wir vor Ort entscheiden, welche der "touristischen
Attraktionen" des Nationalparks, wie das Waldspielgelände oder das Felswandergebiet von uns besucht werden
sollten.
Wenig Interesse fanden bis dato informativ angelegte Angebote zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit der
Region. An dieser Stelle wurde vom Team auch nicht weiter darauf eingegangen, statt dessen vertrauten wir
auf die natürliche Neugierde der Gruppe und wollten erst einmal abwarten, welche Fragen zu "Land und Leuten"
von selbst entstehen würden. Danach sollte dann gemeinsam nach Möglichkeiten der Beantwortung gesucht werden.
Es kann losgehen
Die Organisation der Anreise gestaltete sich schwieriger als ursprünglich erwartet. Da unsere Fahrt auf das
erste Thüringer Ferienwochenende fiel und wir nicht rechtzeitig vorher reserviert hatten, gab uns die
Deutsche Bundesbahn einen Korb und erklärte sich schlichtweg außerstande unsere Gruppe zu transportieren.
So mußten wir kurzfristig umdisponieren und entschieden uns für die Fahrt mit einem Reisebus. Doch auch hier
holte uns die allgemeine Nord-Süd-Bewegung zu Ferienbeginn ein und wir standen nicht nur einmal im Stau.
Schließlich waren alle froh als wir die Hauptverkehrswege hinter uns lassen konnten und immer tiefer in die
Mittelgebirgslandschaft des Bayerischen Waldes vordrangen. Diese machte auch unserem Bus immer mehr zu
schaffen, denn wir bewegten uns auf zunehmend steiler und enger werdenden Straßen, auf denen wir am späten
Nachmittag endlich am Zielort Waldhäuser ankamen. Hier wurden wir bei strahlendem Sonnenschein von einem
tollen Blick auf den Rachel und seine Umgebung empfangen. Daraufhin erbaten sich die Teilnehmer erst einmal
eine Stunde Zeit zur direkten Ortserkundung, während das Team sich um die Anmeldung in der Jugendherberge
kümmerte.
Waldhäuser liegt am Süd-West-Hang des Lusens am Rande des Kerngebietes des Nationalpark und ist mit rund
1000 Meter über dem Meeresspiegel, das am höchsten gelegene Dorf des Bayerischen Waldes. Hier wurde in zwei
 |  |
 | Blick auf den "Lindenhof" |
 |
ehemaligen Bergbauernhöfen die Jugendherberge eingerichtet. Daran erinnern heutzutage noch die Namen "Ameishof"
für das Haupt- und "Lindenhof" für das Nebengebäude. Beide Häuser sind im regionalen Stil restauriert und im
Inneren modern ausgestattet.
Bei der Auswahl des Hauses war für uns die Ausrichtung als Umweltstudienplatz von besonderer Bedeutung.
Dieses Konzept beinhaltet einen weitgehend umweltfreundlichen Beherbergungsbetrieb, zum Beispiel durch
Wassersparprogramme in den Duschen, größtmögliche Müllvermeidung und -trennung, ausgewogene, regional und
saisonal typische Verpflegung usw.
Zusätzlich besteht hier die Möglichkeit Tage- oder Wochenprogramme mit einem im Haus tätigen Umweltpädagogen
durchzuführen. Ein Angebot das sich vorrangig an Schulklassen richtet, aber auch allgemein für Jugendverbände
interessant sein dürfte.
Die ersten Erlebnisse im Bayerischen Wald
Am ersten Tag wollte die Gruppe vor allem erst einmal ihre Fragen zu den Einkaufs- und Betätigungsmöglichkeiten
in unserem Ort - "was es so gibt" und "was so los ist" - geklärt haben. Die Betreuerinnen ergänzten dies
einfach noch durch die Frage wie die Menschen hier zum Nationalpark stehen und schickte die in Kleingruppen
aufgeteilten Teilnehmer los, diese Dinge durch Befragen von Einheimischen selbst herauszufinden. Auf diese
Weise lernten die Teilnehmer unseren Aufenthaltsort kennen und als wir uns am Mittag am Waldrand trafen, um
die Neuigkeiten auszutauschen konnten einige Gruppen von lustigen oder merkwürdigen Begegnungen mit den
"Waldlern" berichten.
So traf eine Gruppe auf einen sehr mitteilsamen Zeitgenossen, der ihnen auch noch von alten Geschichten
über Waldhäuser berichtete. Eine andere Gruppe wollte einen Gastwirt befragen, der gerade mit der Vorbereitung
des Mittagessens beschäftigt war, wütend über die Störung jagte er die völlig verdutzten Jugendlichen mit
seinem großen Küchenmesser hinaus...
Eine Erfahrung, die vorläufig zu der Einstellung führte, dass die Menschen hier "ganz schön grantig" sind.
Glücklicherweise trafen alle noch genügend freundliche Menschen, um zu erfahren dass sich die nächste
Einkaufsmöglichkeit 20km entfernt, in Spiegelau befindet, man dort am günstigsten mit dem Igel - Bus
(Abfahrt jede Stunde) hinkommt und dass wir auf jeden Fall mal auf den "Hausberg"- den Lusen steigen sollten.
Durch die Frage zum Nationalpark erfuhren die Teilnehmer, teilweise zum ersten mal, von der seit Jahren
akuten Borkenkäfer-Invasion und dem damit verbundenen Bäumesterben. Die Einheimischen sehen dadurch ihre
Existenz im Tourismus- und Forstwirtschaftsgewerbe bedroht. Entsprechend negativ war ihre Einschätzung zu
Lasten und Nutzen des Nationalparks, da innerhalb der Kerngebiete gar nicht und in den Randgebieten nur sehr
vorsichtig in diese Naturkatastrophe eingegriffen wird.
Am Nachmittag setzten wir unsere Erkundung der Umgebung mit einer Wanderung zum 1373 Meter hohen Lusen
fort. Unterwegs durchquerten wir forstwirtschaftlich genutzten Wald, gut erkennbar an dem durch schweres
Gerät aufgewühlten Wegen und bekamen an der Martinsklause, einem künstlich angelegtem Bergsee, einen
ersten Eindruck vom Ausmaß des Sterbens in dieser Region. Über das Teufelsloch, einem mit Granitblöcken
übersäten Abhang unter dem das Rauschen der Kleinen Ohe zu hören ist, erreichten wir schließlich den
"Steinhaufen" des Lusengipfels.
Für die Teilnehmer war hier oben, angesichts des bei sommerlichen Temperaturen zurückgelegten, teilweise
wirklich steil ansteigenden Weges, die erste Erkenntnis, dass das Wandern hier "ganz schön anstrengend"
ist. Belohnt wurden wir jedoch durch einen fantastischen Ausblick auf die umliegenden Berge, bis weit in die
Tschechische Republik hinein.
Nun begannen die Teilnehmer die Betreuerinnen mit unzähligen Fragen zu bestürmen. Wie diese Gegend
entstanden ist? Woher der Steinhaufen auf dem Lusengipfel kommt? Warum der Borkenkäfer nicht bekämpft
wird? usw. Da wir diese Fragen auch nur recht vage hätten beantworten können, einigten wir uns mit Gruppe
darauf an einem der nächsten Tage den Umweltpädagogen der Jugendherberge einzuladen. Am folgenden Tag war
 |  |
 | Klänge des Waldes erleben |
 |
es der Wunsch der Gruppe einen Ausflug nach Spiegelau - man ahnt es schon - zum einkaufen, zu unternehmen.
Nach dem Frühstück brachte uns der Igel-Bus bequem bis ins Ortszentrum von Spiegelau. Den Vormittag lang
konnten die Teilnehmer in Kleingruppen diesen typischen Fremdenverkehrsort allein durchstreifen und sich
mit genügend Chips und Cola für das Leben im Wald eindecken.
Für den Nachmittag verabredeten wir uns am Ortsrand, von dort wollten wir noch das "Waldspielgelände"
besuchen. Dieses für Kinder und (jüngere) Jugendliche ausgesprochen gut geeignete Gelände bietet viele
verschiedene Spielgeräte zum ausgelassenen toben im Wald. Darüber hinaus schlängelt sich ein
Naturerlebnispfad mit dem "Ort der Klänge", einer "Barfußstrecke", einem "Märchenwald" usw. durch das
Gebiet und eröffnet einen Zugang zum Lebensraum Wald mit allen Sinnen. Die Teilnehmer, die dem
"Spielplatzbesuch" erst sehr skeptisch gegenüberstanden, tauten angesichts der Möglichkeiten sehr
schnell auf und waren zum Schluß nur durch den einsetzenden Regen zu bewegen, den Rückweg anzutreten.
Der Natur auf der Spur
Gemeinsam mit dem Umweltpädagogen der Jugendherberge sollte nun endlich "wissenschaftlich fundiert" auf
die Fragen eingegangen werden, die immer wieder von den Jugendlichen gestellt wurden. Dazu verabredeten
wir uns an dem Bergbach "Kleine Ohe" in der Nähe unseres Hauses. Hier sollten die Teilnehmer zunächst
wieder einmal selbst aktiv werden und sich auf die Suche nach den Bewohnern dieses Flüßchens machen.
Mit großem Eifer wurden jetzt Steine umgedreht und die Wassertiere mit der Pinzette abgesammelt. Anschließend
konnte jeder seine Tierchen unter der Stereolupe beobachten und anhand von Abbildungen die Art bestimmen.
Unser "Experte" erläuterte uns die "Indikatorfunktion" der gefundenen Arten, so dass wir durch unsere
Untersuchungen auch die Gewässergüte bestimmen konnten. Das "sauberes" Wasser wiederum nicht mit Trinkwasser
gleichzusetzen ist, erfuhren wir im Anschluß als wir den pH-Wert des Baches bestimmten.
Einen Wert von 5,5 hatte eigentlichen niemand erwartet und natürlich wollten alle gleich wissen wodurch
dies verursacht wird. Einige vermuteten den "Sauren Regen" und tatsächlich wird das ursprünglich neutrale
Quellwasser durch die häufigen Regenfälle in dieser Bergregion derartig stark versäuert. Nun konnte auch
leicht erklärt werden, warum hier auch keine Fische mehr zu finden waren. Zum Einen könnten bei der niedrigen
Temperatur nur wenige Arten überleben, zum Anderen sind diese nicht an einen solchen Säuregehalt angepasst.
Mit dem verschwinden der Fische fand auch ein weiterer Anwohner des Baches keine Nahrung mehr und musste
in freundlichere Gegenden umziehen. Kochrezept wie man den ... am besten zubereitet und dass er per
päpstlichem Erlaß zu den Fischen gezählt wurde - so durfte man ihn auch während der Fastenzeit essen.
Nachdem wir noch einige Hinweise zu seinem Äußeren hatten, kamen wir schließlich dem Fischotter auf die
Schliche. Unterdessen waren wir fast unbemerkt zur Martinsklause gewandert, wo wir die Bedeutung dieser
kleinen Staubecken für den Transport von Baumstämmen über die kleinen Bäche bis zur Donau nach Passau kennenlernten.
Als wir uns hier zur Pause niederließen fiel uns Teamern auf, wieviel die Gruppe an diesem Vormittag
"gelernt" hatte über die Geologie, Biologie und Geschichte dieser Region. Alle waren sehr interessiert
 |  |
 | Pause an der Martinsklause |
 |
bei der Sache und hatten immer noch wieder neue Fragen. Angesichts der abgestorbenen Bäume rund um die
Martinsklause entspann sich eine neuerliche Diskussion darüber, wie weit Naturschutz gehen darf. Viele
Jugendliche hegten Zweifel, ob und wie schnell sich die Natur von diesem Schlag erholen könnte.
Daraufhin schauten wir uns gemeinsam noch einmal den vermeintlich toten Wald an und bei genauem Hinsehen
entdeckten wir jede Menge kleiner Bäume die neben und auf den abgestorbenen Bäumen nach oben strebten.
Die jungen Bäume können unter diesen Bedingungen besonders gut wachsen, da ihnen viel Licht und Platz
zur Verfügung stehen und das Totholz ein ausgezeichnetes Nährstoffreservoir darstellt. Eine sehr
authentische Demonstration von "Werden und Vergehen", die uns auch die Sinnlosigkeit unseres permanenten
Regulierungsdranges vorführte. Letztendlich steckt hinter der ganzen Diskussion um die Bekämpfung des
Borkenkäfers vor allem die Angst der Menschen vor finanziellen Einbußen in der Tourismusbranche und
im Forstbetrieb. Für einige der Teilnehmer ein Grund diese Bedenken als "unwichtig" oder "egoistisch"
abzutun, obwohl dies natürlich schon eine ernst zunehmende Bedrohung für die Region ist. So blieben die
Meinungen, wie "weit Naturschutz gehen darf", nach wie vor geteilt und die Diskussion um einen Ausgleich
der beiden Pole, konsequenter Naturschutz versus wirtschaftlicher Interessen, bis zum Ende der Freizeit
bestehen.
Eine Situation, die man durchaus auch als allgemeines Spiegelbild der Gesellschaft betrachten kann.
Solange Naturschutz nur den Erhalt von "schönen" Pflanzen und interessanten Tieren betrifft, findet er
eine breite Zustimmung. Wenn Naturschutz aber beginnt Geld zu kosten und eine Einschränkung der
persönlichen Freiheit zu erfordern, bröckelt die Unterstützung ganz schnell zu einem kleinen Häufchen
Fundamentalisten ab. Unsere Teilnehmer bildeten da keine Ausnahme. Sie waren durchaus bereit die
besonderen Verhaltensregeln für den Nationalpark zu akzeptieren, auch wenn dies den Verzicht auf
verschiedene "Extratouren" außerhalb der Wege oder das Mitnehmen von Pflanzen bedeutete. Einige hatten
schon auf dem Vortreffen betont, keinen Müll im Wald zu wollen, jedoch waren einige verwundert, dass
sie auf unseren Wanderungen nirgendwo Papierkörbe vorfanden und somit alles wieder mit nach Hause
nehmen mußten. In der Jugendherberge hielten sich alle an das zugegeben etwas aufwendige
Müll-Trennungssystem, andererseits versuchten auch einige, "Kleinteile" durchs Fenster zu entsorgen.
Eben das ewige Wechselspiel zwischen der Einsicht und dem Anspruch Naturschutz umzusetzen einerseits,
und der damit verbundenen Anstrengung andererseits.
Davon abgesehen war bei den Teilnehmern ein richtiger Wissensdrang geweckt und so beteiligten sich
alle richtig intensiv an der folgenden Untersuchung des Waldbodens. Mit einfachen Küchensieben gingen
wir auf die Suche nach den Kleintieren im Waldboden. Großen Spaß hatten alle an den
"Insekten-staubsaugern", mit denen die gefundenen Tiere gefangen wurden. Anschließend wurden die Tiere
wieder unter der Stereolupe bestimmt und ganz nebenbei erfuhren wir einiges zur Bedeutung der
verschiedenen Arten in der "Lebensgemeinschaft" Wald.
Abenteuerwanderung und Schatzsuche
Eine richtige Abenteuerwanderung unternahmen wir mit unserem Ausflug in das Erweiterungsgebiet des
Nationalparks am Falkenstein. Der Aufstieg führt durch eine enge Schlucht entlang des Höllbaches durch
eines der wenigen Urwaldgebiete Deutschlands. Obwohl der Weg dort gut ausgeschildert ist, waren wir doch
froh unseren "Experten" dabei zu haben, der uns sicher entlang der schmalen, felsigen Wege nach oben
führte. Die besondere Atmosphäre dieser Wanderung wurde durch das regnerische, trübe Wetter noch
verstärkt. Die gesamte Umgebung verschwamm im Nebel und als dominierendes Geräusch begleitete uns das
Tosen des Höllbaches, den wir an einem Wasserfall, auf den Steinen balancierend, überquerten. Als wir
schließlich den Gipfel erreichten waren wir reichlich naß, ziemlich erschöpft und der Ausblick reichte
gerade mal bis zum Gipfelkreuz. Bei heißem Tee und Würstchen in der Falkensteinschutzhütte wurde die
Stimmung aber bald wieder besser und die Jugendlichen waren richtig stolz auch mal einen "schwierigen Berg"
bewältigt zu haben. Der Rückweg führte uns durch ein regional typisches Weidegebiet. Diese "Schachten"
wurden für die Beweidung von Jungtieren und Ochsen genutzt. Wie hart das Leben eines Viehhirten, der hier
mehr als ein halbes Jahr völlig allein leben mußte, war, konnten wir nach unseren Erlebnissen vom vormittag
gut nachvollziehen. Interessant dazu auch noch die überlieferte Auskunft eines Hirten, auf die Frage, was
er denn in der langen, einsamen Zeit alles so denke: "Das könnt Euch Studierten so passen, das ich mir
auch noch was denken sollt!"
Schon vom ersten Tag unseres Aufenthalts an hatten die drei Mädchen unserer Gruppe mit der Planung und
Vorbereitung einer "Schatzsuche" im Wald begonnen. Wie selbstverständlich hatten sie sich entschlossen
diese für die Gruppe zu organisieren. Sie wählten eine "Suchstrecke" aus, überlegten sich Fragen und
Aufgaben für unterwegs und sammelten Sagen und Geschichten der Region, um der Schatzsuche auch einen
authentischen Rahmen geben zu können. Die Aufgaben der Betreuerinnen beliefen sich nur auf das Besorgen
eines schmackhaften Schatzes und ein wenig Beratung bei der Auswahl der Fragen und Aufgaben.
Natürlich waren alle gespannt als es endlich losgehen sollte. Wir erfuhren
von einem Schatz, der aus einem Wirtshaus gestohlen wurde. Die Halunken konnten zwar gefasst werden,
aber sie hatten den Schatz zuvor irgendwo am Süd-West Hang des Lusens versteckt. Bisher hat ihn dort
noch niemand wieder finden können. Nur einige versteckte Hinweise gibt es heute noch, aber vielleicht
führen diese uns ja zum Schatz.... Die Mädchen hatten an verschiedenen Stellen im Wald Zettel versteckt
die nun mit großem Enthusiasmus gesucht wurden.
Oft standen darauf Fragen zum Nationalpark oder zu ökologischen Zusammenhängen, teilweise mußten auch
kleine Aufträge erledigt werden, wie Müll sammeln oder die Höhe eines Baumes schätzen. Wie im Flug verging
die Zeit und es war schon wieder nachmittag, als wir an der Martinsklause ankamen. Hier mußte nun nur noch
ein Lösungswort aus den gelösten Aufgaben und Fragen gefunden werden. Daraus ergab sich dann das
Teufelsloch als Versteck für den Schatz.
Für die Betreuerinnen war es schon beeindruckend mit welcher Selbstverständlichkeit und Ausdauer die
Mädchen diesen Tag organisiert hatten. Sicherlich auch ein Beleg dafür, dass Jugendliche durchaus fähig
sind ihr Programm selbstverantwortlich zu bestimmen und umzusetzen. In gewisser Weise auch eine Hoffnung,
dass es gelingt den unseligen Kreislauf von Konsumdenken und Animationswünschen aufzubrechen und die
Teamer dann vor allem für die Rahmenbedingungen und als Berater benötigt werden.
Als ein großes Problem unserer Programmplanung entpuppte sich die Nachtwanderung mit Übernachtung unter
freiem Himmel. Wie so oft hatten wir dabei das Wetter nicht mit einkalkuliert. Eine Mehrheit der Gruppe
wollte keinesfalls eine ganze Nacht bei Regen im Freien verbringen, anderseits hatten sich natürlich
alle auf ein solches Erlebnis gefreut. Als sich unsere Fahrt so langsam dem Ende näherte und Besserung
nicht in Sicht war, beschlossen wir als Kompromiss ein Lagerfeuer in der Nähe des Hauses mit anschließendem
Versuch eines Biwaks. So bemühte sich immerhin gut die Hälfte der Gruppe den Wetterkapriolen standzuhalten
und rollte die Schlafsäcke am Lagerfeuer aus. Belohnt wurden wir mit einem zumindest zeitweise sternenklarem
Himmel der regelrechte Bergromantik aufkommen lies. Das Unheil, in Form einer Gewitterwolke, sahen wir
schon von weitem heraufziehen und wir genossen bis zum Schluss die Farbspiele am nächtlichen Himmel. Als
uns dann dicke Regentropfen ins Gesicht platschten gaben wir klein bei und entschieden uns doch lieber für
ein trockenes Nachtlager.
Am letzten Tag besuchten wir das Tier-Freigelände des Nationalparks. Dort kann man unter anderem Braunbären,
Wölfe und Schwarzstörche beobachten. Etwas absurd wirkt dieses Gehege aber, wenn man bedenkt das diese
Tierarten schon sehr lange nicht mehr im Bayerischen Wald vorkommen. So verstanden wir dies vor allem als
mahnende Erinnerung an den räuberischen Umgangs des Menschen mit der Natur.
Resümeé
In der Auswertung äußerten sich die Teilnehmer sehr zufrieden mit "ihrem" Programm. Dabei empfanden viele
gerade die Mitbestimmung bei der Gestaltung als besonders gut. Folgerichtig wurden die "fehlenden"
Programmelemente, wie baden gehen (aufgrund des kühlen Wetters) zwar benannt, aber eben auch nicht so
schlimm genommen. Nach den vielen, teilweise richtig anstrengenden Wanderungen ist die positive Einstellung
zum Wandern geblieben, schließlich war ja meist noch "irgendwas drumherum" und eine schöne Aussicht ist
auch für Jugendliche spannend. Trotz aller Betroffenheit über die abgestorbenen Bäume im Nationalpark,
waren die Teilnehmer beeindruckt von der landschaftlichen Schönheit dieses Gebietes und verbinden damit
hohe Berge und ursprüngliche Wälder. Der Konflikt zwischen Naturschutz und wirtschaftlichen Interessen
scheint nach dem Ende der Freizeit ausgeblendet. Sicher auch weil die Teilnehmer die Diskussion dieser
Frage als sehr kontrovers und kompliziert wahrgenommen haben. Letztendlich konnte keine "allgemeingültige"
Antwort gefunden werden, was wohl zu einem "sich nicht festlegen wollen" bei den Jugendlichen führte.
Aus Sicht des Teams zeigte sich in dieser Freizeit, dass Jugendliche schon ein sehr modernes Verständnis
von Wandern haben können und dieser Begriff dann auch durchaus positiv besetzt ist. Freie Bewegung in der
Natur scheint bis zum heutigen Tage einen ganz besonderen Stellenwert in der Freizeitgestaltung einzunehmen.
Interessant für uns war der Wandel von der Ablehnung der informativen Programmelemente zu einem
regelrechten Wissensdurst nach wenigen Tagen.
Offensichtlich ergaben sich aus dem intensiven "Natur erleben" so viele Fragen, dass die Teilnehmer ganz
schnell sehr offen dafür waren. Und natürlich hat auch die ganzheitlich angelegte Vermittlungsweise des
Umweltpädagogen so manche Tür geöffnet. Bleibt als Gesamtfazit ein ungebrochenes Interesse von Jugendlichen
am Thema "Natur- und Umweltschutz", auch wenn die daraus resultierenden Einschränkungen und Belastungen
nicht in letzter Konsequenz mitgetragen werden.
|
|